Lie­be Gemein­de, lie­be Lese­rin­nen und Leser, wenn wir ehr­lich zu uns selbst sind, müs­sen wir ein­ge­ste­hen, dass der Glau­be oft nicht das fes­te, uner­schüt­ter­li­che Fun­da­ment ist, als das wir ihn ger­ne betrach­ten möch­ten. Der Glau­be ist zer­brech­lich, und die­se Zer­brech­lich­keit ist kei­ne Schwä­che, kei­ne Sün­de, kein Zei­chen man­geln­der Fröm­mig­keit. Sie ist viel­mehr ein wie­der­keh­ren­der Zustand in unse­rem Leben als Chris­ten, der uns öfter begeg­net als die Momen­te unge­trüb­ter Gewiss­heit. Mar­tin Luther selbst, der gro­ße Refor­ma­tor, kann­te die­se Anfech­tun­gen nur all­zu gut und schrieb in sei­nen Schrif­ten immer wie­der von den Zwei­feln, die ihn heim­such­ten, von der Dun­kel­heit, in der er sich manch­mal befand, von der Fer­ne Got­tes, die er emp­fand.

Wir leben in einer Zeit, in der Stär­ke und Erfolg als höchs­te Wer­te gel­ten. Auch in unse­ren Gemein­den wird oft der star­ke Glau­be gepre­digt, die uner­schüt­ter­li­che Zuver­sicht, die fel­sen­fes­te Über­zeu­gung. Doch die­se Erwar­tung kann zu einer schwe­ren Last wer­den für all jene, die sich in Pha­sen des Zwei­fels befin­den, die Got­tes Stim­me nicht mehr hören, die sich fra­gen, ob ihre Gebe­te über­haupt noch den Him­mel errei­chen. Pau­lus schreibt im Römer­brief: “Ich elen­der Mensch! Wer wird mich erlö­sen von die­sem tod­ver­fal­le­nen Lei­be?” (Römer 7,24). Selbst die­ser gro­ße Apos­tel kann­te die inne­ren Kämp­fe, die Zer­ris­sen­heit, die Momen­te, in denen der Glau­be nicht trägt wie erhofft.

Der zer­brech­li­che Glau­be ist kei­ne Aus­nah­me, die nur weni­ge betrifft. Er ist eine Erfah­rung, die zum Mensch­sein gehört, gera­de weil wir glau­ben­de Men­schen sind. Wir leben in einer Welt, die uns täg­lich her­aus­for­dert, die uns mit Leid kon­fron­tiert, mit Unge­rech­tig­keit, mit Fra­gen, auf die wir kei­ne Ant­wor­ten fin­den. Wenn ein gelieb­ter Mensch stirbt, wenn eine Krank­heit nicht wei­chen will, wenn Unrecht geschieht und Gott zu schwei­gen scheint, dann kann der Glau­be ins Wan­ken gera­ten. Das ist mensch­lich, das ist ver­ständ­lich, und es ist nichts, wofür wir uns schä­men müss­ten.

Täg­lich wer­den wir zudem damit kon­fron­tiert, wie die Welt aus den Fugen gerät. Krie­ge bre­chen aus, unschul­di­ges Blut wird ver­gos­sen, Men­schen flie­hen, Fami­li­en zer­bre­chen, und es scheint, als ob das Böse unge­hin­dert regiert. Die­se Bil­der und Nach­rich­ten pras­seln auf uns ein und hin­ter­las­sen Spu­ren in unse­rer See­le. Sie wecken in uns die Fra­ge, wie ein guter und all­mäch­ti­ger Gott all das zulas­sen kann. Auch dadurch wird der Glau­be erschüt­tert – nicht, weil er schwach wäre, son­dern weil wir als glau­ben­de Men­schen mit­ten in einer gefal­le­nen Welt leben, die uns täg­lich an unse­re Gren­zen führt.

Jesus selbst hat am Kreuz geru­fen: “Mein Gott, mein Gott, war­um hast du mich ver­las­sen?” (Mat­thä­us 27,46). Die­se Wor­te sind von erschüt­tern­der Tie­fe. Der Sohn Got­tes selbst emp­fand in sei­nem Lei­den die Gott­ver­las­sen­heit, die Dun­kel­heit, die Fer­ne des Vaters. Wenn Jesus die­se Erfah­rung durch­lebt hat, wie kön­nen wir dann mei­nen, dass unser Glau­be immer hell und strah­lend sein muss? Die Zer­brech­lich­keit des Glau­bens ist kei­ne Schan­de, son­dern ein Zei­chen dafür, dass wir wirk­lich glau­ben, dass uns der Glau­be etwas bedeu­tet, dass wir uns mit Gott aus­ein­an­der­set­zen und nicht nur ober­fläch­li­che Gewiss­hei­ten wie­der­ho­len.

Diet­rich Bon­hoef­fer, der im Wider­stand gegen das Unrecht sei­ner Zeit sei­nen Glau­ben leb­te und dafür sein Leben gab, schrieb aus dem Gefäng­nis: “Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich trä­te aus mei­ner Zel­le gelas­sen und hei­ter und fest wie ein Guts­herr aus sei­nem Schloss. Bin ich das wirk­lich, was ande­re von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß: unru­hig, sehn­süch­tig, krank?” Bon­hoef­fer kann­te die inne­re Zer­ris­sen­heit, die Zwei­fel, die Fra­gen an Gott. Und doch blieb er im Glau­ben, nicht weil sein Glau­be stark war, son­dern weil Got­tes Gna­de stär­ker war als sei­ne Zwei­fel.

Wenn wir heu­te in die sozia­len Netz­wer­ke schau­en, begeg­net uns oft ein ande­res Bild. Dort prä­sen­tie­ren man­che einen Glau­ben, der nie­mals zwei­feln darf, der immer sieg­reich, uner­schüt­ter­lich, sou­ve­rän wirkt – ein Glau­be wie eine Beton­mau­er, glatt, hart und ohne Ris­se. Zwei­fel gel­ten dort schnell als Schwä­che, als Man­gel an Ver­trau­en, als geist­li­che Unrei­fe. Doch ist das nicht häu­fig eine Fas­sa­de? Eine Täu­schung – viel­leicht sogar eine Selbst­täu­schung? Denn ein Glau­be, der kei­ne Fra­gen zulässt, der kei­nen Schmerz kennt, der nie ringt, ist kein bibli­scher Glau­be. Er ist ein Ide­al­bild, das Men­schen unter Druck setzt und ihnen das Gefühl gibt, sie müss­ten etwas dar­stel­len, was sie in Wahr­heit nicht sind. Gera­de dadurch wird ech­ter Glau­be erstickt, statt gestärkt.

Es sind oft gera­de jene Chris­ten, die nach außen die­sen makel­lo­sen, uner­schüt­ter­li­chen Glau­ben ver­kör­pern wol­len, die inner­lich am stärks­ten unter Druck gera­ten. Wer stän­dig funk­tio­nie­ren muss, wer nie schwach sein darf, wer sei­ne Zwei­fel ver­drängt, statt sie vor Gott zu brin­gen, trägt eine Last, die kein Mensch auf Dau­er tra­gen kann. Nicht sel­ten führt die­ser inne­re Kampf in Erschöp­fung, in Depres­sio­nen, in Burn­out – und man­che ver­lie­ren schließ­lich sogar den Glau­ben, weil sie mei­nen, die­sem künst­li­chen Ide­al nicht zu genü­gen. Doch nicht ihr Glau­be war zu schwach, son­dern das Bild, dem sie ent­spre­chen woll­ten, war unmensch­lich und unbi­blisch. Gott ruft uns nicht zu einer per­fek­ten Fas­sa­de, son­dern zu einem ehr­li­chen Her­zen, das mit allem zu Ihm kom­men darf.

Der luthe­ri­sche Glau­be lehrt uns, dass wir aus Gna­de geret­tet sind, nicht durch unse­re Wer­ke, nicht durch die Stär­ke unse­res Glau­bens. “Denn aus Gna­de seid ihr geret­tet durch Glau­ben, und das nicht aus euch: Got­tes Gabe ist es” (Ephe­ser 2,8). Das bedeu­tet, dass unser Glau­be nicht die Grund­la­ge unse­rer Erlö­sung ist, son­dern Got­tes Han­deln an uns. Unser Glau­be darf schwach sein, darf zwei­feln, darf zer­bre­chen, denn es ist nicht unser Glau­be, der uns hält, son­dern Gott selbst. Luther sag­te ein­mal, dass wir zugleich Gerech­te und Sün­der sind, dass wir in die­ser Span­nung leben, in die­sem Zwie­spalt zwi­schen dem alten und dem neu­en Men­schen. Genau­so ist unser Glau­be: zugleich stark und schwach, zugleich gewiss und zwei­felnd.

In der Bibel fin­den wir vie­le Bei­spie­le von Men­schen, deren Glau­be zer­brech­lich war. Petrus, der Jesus so sehr lieb­te, ver­leug­ne­te ihn drei Mal in der Nacht sei­ner Gefan­gen­nah­me (Mat­thä­us 26,69). Tho­mas woll­te nicht glau­ben, dass Jesus auf­er­stan­den war, bevor er sei­ne Wun­den gese­hen hat­te (Johan­nes 20,25). Elia, der gro­ße Pro­phet, der Feu­er vom Him­mel her­ab­ru­fen konn­te, floh vor der Köni­gin Ise­bel und wünsch­te sich den Tod, weil er mein­te, allein und ver­las­sen zu sein (1. Köni­ge 19,4). Die­se Geschich­ten sind nicht zufäl­lig in der Bibel über­lie­fert. Sie zei­gen uns, dass selbst die größ­ten Glau­bens­hel­den ihre Momen­te der Schwä­che hat­ten, dass der Glau­be immer wie­der neu errun­gen wer­den muss, dass er nicht ein­fach da ist und bleibt.

Was kön­nen wir also tun, wenn unser Glau­be zer­brech­lich ist? Zunächst soll­ten wir uns ein­ge­ste­hen, dass es so ist. Wir müs­sen nicht so tun, als wäre alles in Ord­nung, wenn wir inner­lich zwei­feln. Gott kennt unser Herz ohne­hin. Die Psal­men sind voll von ehr­li­chen Kla­gen, von Fra­gen, von Vor­wür­fen an Gott. “War­um stehst du so fer­ne, Herr, und ver­birgst dich in Zei­ten der Not?” (Psalm 10,1). Der Psalm­be­ter traut sich, Gott zur Rede zu stel­len, und die­se Ehr­lich­keit ist ein Zei­chen tie­fen Glau­bens. Wer nicht mehr mit Gott redet, wer nicht mehr klagt, der hat viel­leicht schon auf­ge­ge­ben. Aber wer klagt, wer fragt, wer ringt, der ist im Gespräch mit Gott, und das ist Glau­ben, auch wenn es sich nicht so anfühlt.

Zum ande­ren soll­ten wir uns erin­nern las­sen an das, was Gott getan hat. Die Israe­li­ten zogen durch die Wüs­te und ver­ga­ßen immer wie­der, dass Gott sie aus der Skla­ve­rei befreit hat­te. Immer wie­der muss­ten sie sich erin­nern las­sen an Got­tes Taten. Auch wir dür­fen zurück­schau­en auf unser Leben und sehen, wo Gott uns getra­gen hat, wo er uns begeg­net ist, wo er uns bewahrt hat. Die­se Erin­ne­run­gen sind wie Weg­mar­ken, an denen wir uns fest­hal­ten kön­nen, wenn der Weg dun­kel wird.

Wir brau­chen auch die Gemein­schaft der Glau­ben­den. Der Glau­be ist kei­ne rein pri­va­te Ange­le­gen­heit. Wenn unser eige­ner Glau­be schwach ist, kön­nen ande­re für uns glau­ben, kön­nen uns tra­gen, kön­nen uns erin­nern an Got­tes Zusa­gen, kön­nen für uns beten. In der Gemein­de fin­den wir Men­schen, die ähn­li­che Erfah­run­gen gemacht haben, die uns ver­ste­hen, die uns nicht ver­ur­tei­len, son­dern uns bei­ste­hen. Pau­lus schreibt: “Einer tra­ge des ande­ren Last, so wer­det ihr das Gesetz Chris­ti erfül­len” (Gala­ter 6,2). Das gilt auch für die Last des zer­brech­li­chen Glau­bens.

Und schließ­lich dür­fen wir dar­auf ver­trau­en, dass Gott selbst unse­ren Glau­ben erhält. Jesus sagt zu Petrus: “Ich habe für dich gebe­tet, dass dein Glau­be nicht auf­hö­re” (Lukas 22,32). Jesus betet für uns, er tritt für uns ein, er hält unse­ren Glau­ben, auch wenn wir selbst es nicht mehr kön­nen. Der Glau­be ist letzt­lich nicht unser Werk, son­dern Got­tes Geschenk, und er wird die­ses Geschenk nicht zurück­neh­men, auch wenn wir in dunk­len Zei­ten mei­nen, es ver­lo­ren zu haben.

Der zer­brech­li­che Glau­be ist also kein Zei­chen des Schei­terns, son­dern ein Teil des Weges, den wir als Chris­ten gehen. Er erin­nert uns dar­an, dass wir Men­schen sind, dass wir auf Gott ange­wie­sen sind, dass wir nicht aus eige­ner Kraft leben kön­nen. Er lehrt uns Demut und Ehr­lich­keit. Er öff­net uns für die Erfah­rung, dass Gott gera­de in unse­rer Schwä­che sei­ne Kraft zeigt, wie Pau­lus es erfah­ren hat: “Mei­ne Kraft ist in den Schwa­chen mäch­tig” (2. Korin­ther 12,9).

Lasst uns also den Mut haben, unse­re Zer­brech­lich­keit anzu­neh­men, sie nicht zu ver­ber­gen, son­dern sie vor Gott und vor­ein­an­der ein­zu­ge­ste­hen. Lasst uns ein­an­der tra­gen in Zei­ten des Zwei­fels und lasst uns dar­auf ver­trau­en, dass Gott uns nicht los­lässt, auch wenn unser Glau­be schwach ist. Der Glau­be muss nicht stark sein. Gott ist stark genug für uns alle. Amen.