Lie­be Gemein­de, lie­be Lese­rin­nen und Leser, wir leben in einer Zeit, in der die Anbe­tung Got­tes vie­ler­orts zu einer glat­ten, ober­fläch­li­chen Ange­le­gen­heit gewor­den ist. Wir sin­gen Lie­der mit erho­be­nen Hän­den, wir spre­chen Gebe­te mit from­men Wor­ten, wir bezeu­gen unse­ren Glau­ben mit leuch­ten­den Gesich­tern. Aber manch­mal, viel­leicht öfter als wir zuge­ben wol­len, ent­spricht das, was wir nach außen zei­gen, nicht dem, was in unse­rem Inne­ren vor sich geht. Wir sin­gen von Freu­de, obwohl unser Herz schwer ist. Wir prei­sen Gott für sei­ne Güte, wäh­rend wir inner­lich mit ihm hadern. Wir beken­nen unse­ren Glau­ben, obwohl Zwei­fel an uns nagen. Wir tun so, als wäre alles in Ord­nung, obwohl wir zer­bro­chen sind. Das ist ein erns­tes Pro­blem, denn Anbe­tung, die nicht der Wahr­heit ent­spricht, ist kei­ne ech­te Anbe­tung. Sie ist eine Fas­sa­de, eine Mas­ke, hin­ter der wir uns ver­ste­cken. Gott aber will kei­ne Mas­ken. Er will unse­re Her­zen, so wie sie wirk­lich sind, mit allem Schmerz, aller Ver­zweif­lung, aller Ehr­lich­keit.

Jesus hat ein­mal zu den Pha­ri­sä­ern gesagt: “Ihr Heuch­ler, wie fein hat Jesa­ja von euch geweis­sagt und gespro­chen” Jesa­ja 29,13: “Dies Volk ehrt mich mit sei­nen Lip­pen, aber ihr Herz ist fern von mir; ver­geb­lich die­nen sie mir, weil sie leh­ren sol­che Leh­ren, die nichts als Men­schen­ge­bo­te sind” (Mat­thä­us 15,8–9). Das war eine har­te Ankla­ge. Die Pha­ri­sä­er waren reli­gi­ös, sie hiel­ten die Gebo­te, sie bete­ten, sie fas­te­ten, sie gin­gen in den Tem­pel. Aber ihr Herz war nicht bei Gott. Ihre Anbe­tung war äußer­lich, nicht inner­lich. Sie sag­ten die rich­ti­gen Wor­te, aber sie mein­ten sie nicht. Jesus durch­schau­te das. Und er durch­schaut auch uns. Wir kön­nen vor Men­schen eine from­me Fas­sa­de auf­recht­erhal­ten, aber vor Gott kön­nen wir uns nicht ver­stel­len. Er sieht in unser Herz. Er kennt unse­re Gedan­ken, unse­re Gefüh­le, unse­re Zwei­fel, unse­re Ängs­te. Er weiß, ob unse­re Anbe­tung echt ist oder nur gespielt.

Die Bibel ist voll von Men­schen, die ehr­lich vor Gott waren, auch wenn die­se Ehr­lich­keit schmerz­haft war. Den­ken wir an Hiob. Die­ser Mann ver­lor alles: sei­ne Kin­der, sei­nen Besitz, sei­ne Gesund­heit. Er saß im Elend und kratz­te sich die eit­ri­gen Wun­den mit einer Scher­be. Sei­ne Freun­de kamen und sag­ten ihm, er müs­se gesün­digt haben, sonst wür­de Gott ihn nicht so stra­fen. Aber Hiob wuss­te, dass er nichts Böses getan hat­te. Er wuss­te nicht, war­um ihm das alles geschah. Und dann tat er etwas, das vie­le from­me Men­schen scho­ckiert: Er klag­te Gott an. Er sag­te: “Mei­ne See­le ver­drießt mein Leben. Ich will mei­ner Kla­ge ihren Lauf las­sen und reden in der Betrüb­nis mei­ner See­le” (Hiob 10,1). Hiob ver­steck­te sei­nen Schmerz nicht. Er beschö­nig­te nichts. Er sag­te Gott gera­de­her­aus, wie ver­zwei­felt er war.

War das falsch? War das Sün­de? Nein. Am Ende des Buches Hiob sagt Gott zu den Freun­den Hiobs: “Ihr habt nicht recht von mir gere­det wie mein Knecht Hiob” (Hiob 42,7). Hiob hat­te recht gere­det. Sei­ne Kla­ge, sei­ne Ankla­ge, sei­ne Ver­zweif­lung waren ehr­lich. Sie waren echt. Und Gott nahm sie an. Die Freun­de hin­ge­gen hat­ten from­me Sprü­che geklopft, hat­ten theo­lo­gisch kor­rek­te Aus­sa­gen gemacht, aber sie hat­ten nicht die Wahr­heit gespro­chen. Sie hat­ten ver­sucht, Gott zu ver­tei­di­gen, indem sie Hiob ver­ur­teil­ten. Aber Gott brauch­te kei­ne sol­che Ver­tei­di­gung. Er woll­te Ehr­lich­keit, nicht Fröm­mig­keit.

Die Psal­men sind voll von sol­chen ehr­li­chen Gebe­ten. Vie­le Psal­men sind Kla­ge­psal­men. Der Beter schreit zu Gott aus tiefs­ter Not. Er sagt: “Mein Gott, mein Gott, war­um hast du mich ver­las­sen?” (Psalm 22,2). Das ist kein fröh­li­ches Lob­preis­lied. Das ist ein Schrei der Ver­zweif­lung. Der Beter fühlt sich von Gott ver­las­sen, er ver­steht nicht, was geschieht, er ist am Ende. Und er sagt es Gott. Er hält nicht den Mund, er ver­drängt nicht, er tut nicht so, als wäre alles gut. Er legt sei­ne Not vor Gott hin, unge­fil­tert, unge­schminkt. Und die­se Psal­men sind Teil der Hei­li­gen Schrift. Gott hat sie uns gege­ben, damit wir ler­nen, ehr­lich vor ihm zu sein.

War­um fällt uns das so schwer? War­um mei­nen wir, immer fröh­lich sein zu müs­sen, immer posi­tiv, immer glau­bens­stark? Ein Grund ist, dass wir ein fal­sches Bild von Anbe­tung haben. Wir den­ken, Anbe­tung bedeu­te, Gott zu loben, ihm zu dan­ken, ihn zu prei­sen. Das stimmt auch, aber es ist nicht die gan­ze Wahr­heit. Anbe­tung bedeu­tet, Gott als Gott anzu­er­ken­nen, sich ihm ganz hin­zu­ge­ben, ihm das Herz zu öff­nen. Und das schließt die dunk­len Sei­ten unse­res Lebens ein, die Zei­ten der Trau­er, der Angst, der Ver­zweif­lung. Wenn wir die­se Sei­ten ver­schwei­gen, wenn wir nur die hel­len Sei­ten zei­gen, dann geben wir Gott nicht unser gan­zes Herz, son­dern nur einen Teil davon. Dann ist unse­re Anbe­tung unvoll­stän­dig, unehr­lich, ja, sogar heuch­le­risch.

Ein ande­rer Grund ist der Druck, den wir emp­fin­den, von ande­ren und von uns selbst. In man­chen Gemein­den wird ein bestimm­tes Bild von Fröm­mig­keit gepflegt. Wer wirk­lich glaubt, so die unaus­ge­spro­che­ne Bot­schaft, der ist immer sieg­reich, immer froh, immer vol­ler Hoff­nung. Wer Zwei­fel hat, wer trau­rig ist, wer nicht wei­ter­kommt, der hat anschei­nend zu wenig Glau­ben. Das ist eine Last, die Men­schen erdrückt. Sie trau­en sich nicht, ihre Not zu zei­gen, weil sie fürch­ten, als schwa­che Chris­ten dazu­ste­hen. Also set­zen sie eine Mas­ke auf, sin­gen Lie­der, die sie nicht füh­len, spre­chen Gebe­te, die nicht aus ihrem Her­zen kom­men. Sie las­sen sich bestäu­ben, wie man sagt, las­sen sich vom Enthu­si­as­mus der ande­ren mit­rei­ßen, ohne selbst wirk­lich dabei zu sein. Das mag für eine Wei­le funk­tio­nie­ren, aber irgend­wann bricht die­se Fas­sa­de zusam­men. Und dann ist die Ent­täu­schung groß, die Ver­zweif­lung tief.

Gott will kei­ne sol­che Fröm­mig­keit. Er will kei­ne Men­schen, die sich ver­stel­len, die eine Rol­le spie­len. Der Pro­phet Amos über­brach­te dem Volk Isra­el eine har­te Bot­schaft von Gott: “Ich bin euren Fei­er­ta­gen gram und ver­ach­te sie und mag eure Ver­samm­lun­gen nicht rie­chen. Und wenn ihr mir auch Brand­op­fer und Speis­op­fer opfert, so habe ich kein Gefal­len dar­an und mag auch eure fet­ten Dank­op­fer nicht anse­hen. Tu weg von mir das Geplärr dei­ner Lie­der; denn ich mag dein Har­fen­spiel nicht hören!” (Amos 5,21–23). Das ist erschre­ckend. Gott sagt: Eure Got­tes­diens­te, eure Lie­der, eure Opfer, das alles will ich nicht. War­um? Weil es ohne Wahr­heit geschah. Die Men­schen kamen zum Got­tes­dienst, san­gen und bete­ten, aber in ihrem Leben drau­ßen han­del­ten sie unge­recht, unter­drück­ten die Armen, berei­cher­ten sich auf Kos­ten ande­rer. Ihre Anbe­tung war eine Lüge. Sie war from­me Heu­che­lei.

Fra­gen wir uns selbst, wie oft unse­re eige­ne Fröm­mig­keit in Gefahr steht, den­sel­ben Weg zu gehen. Wie schnell sin­gen wir Lie­der, spre­chen Gebe­te und zei­gen uns enga­giert, wäh­rend unser All­tag an ganz ande­ren Maß­stä­ben ori­en­tiert ist. Wie leicht reden wir von Got­tes Wil­len, ohne wirk­lich bereit zu sein, uns von sei­nem Wort kor­ri­gie­ren zu las­sen. Die­se Span­nung zwi­schen Bekennt­nis und Leben ist nicht nur ein Pro­blem des alten Isra­el, son­dern eine stän­di­ge Her­aus­for­de­rung für jeden, der Chris­tus nach­fol­gen will. Lebe ich im All­tag nach den­sel­ben Maß­stä­ben, die ich im Got­tes­dienst beken­ne? Gibt es Berei­che in mei­nem Leben, in denen ich bewusst anders hand­le, als Got­tes Wort es for­dert? Suche ich Got­tes Wil­len wirk­lich, oder suche ich eher eine Bestä­ti­gung mei­ner eige­nen Wün­sche? Wo rede ich von Got­tes Füh­rung, ohne dass mein Leben die Frucht ech­ter Nach­fol­ge zeigt? Bin ich bereit, mich kor­ri­gie­ren zu las­sen, auch wenn es unbe­quem ist? Ist mei­ne Anbe­tung Aus­druck eines hin­ge­ge­be­nen Her­zens, oder eher eine Form, die ich gelernt habe? Wie gehe ich mit Men­schen um, die schwä­cher, ver­letz­li­cher oder abhän­gi­ger sind als ich? Wür­de mein Umfeld – Fami­lie, Kol­le­gen, Nach­barn – in mei­nem Ver­hal­ten etwas von Chris­tus erken­nen?

Was will Gott statt­des­sen? Amos sagt im nächs­ten Vers: “Es strö­me aber das Recht wie Was­ser und die Gerech­tig­keit wie ein nie ver­sie­gen­der Bach” (Amos 5,24). Gott will Ehr­lich­keit, Gerech­tig­keit, Wahr­heit. Er will, dass unser Leben mit unse­rer Anbe­tung über­ein­stimmt. Und das bedeu­tet auch: Er will, dass unse­re Anbe­tung mit unse­rem Leben über­ein­stimmt. Wenn wir lei­den, sol­len wir das nicht ver­ber­gen. Wenn wir zwei­feln, sol­len wir es aus­spre­chen. Wenn wir trau­rig sind, sol­len wir nicht so tun, als wären wir fröh­lich.

Mar­tin Luther hat die­se Wahr­heit ver­stan­den. Er war kein Mensch, der immer fröh­lich und sie­ges­ge­wiss war. Er hat­te Zei­ten tie­fer Anfech­tung, Zei­ten, in denen er sich von Gott ver­las­sen fühl­te, Zei­ten, in denen er mit Zwei­feln kämpf­te. Er hat das nicht ver­steckt. Er hat dar­über gespro­chen, dar­über geschrie­ben. In einem Brief schrieb er ein­mal: “Ich bin gebo­ren, um mit Rot­ten und Teu­feln zu kämp­fen; dar­um sind vie­le mei­ner Bücher stür­misch und krie­ge­risch. Ich muss die Klöt­ze und Stäm­me aus­rot­ten, Dor­nen und Hecken weg­hau­en, die Pfüt­zen aus­fül­len und bin der gro­be Wald­rech­ter, der Bahn bre­chen und zurich­ten muss.” Luther sah sein Leben als einen Kampf. Er beschö­nig­te nichts. Aber gera­de des­halb war sein Glau­be so kraft­voll, weil er ehr­lich war.

Die Psal­men geben uns eine Spra­che für unse­re Not. Sie zei­gen uns, wie wir kla­gen kön­nen. Psalm 13 beginnt mit den Wor­ten: “Herr, wie lan­ge willst du mich so ganz ver­ges­sen? Wie lan­ge ver­birgst du dein Ant­litz vor mir? Wie lan­ge soll ich sor­gen in mei­ner See­le und mich ängs­ten in mei­nem Her­zen täg­lich? Wie lan­ge soll sich mein Feind über mich erhe­ben?” (Psalm 13,2–3). Vier Mal fragt der Beter: Wie lan­ge? Er ist ver­zwei­felt, er sieht kei­nen Aus­weg, er fühlt sich von Gott ver­ges­sen. Aber er betet. Er redet mit Gott, nicht über Gott. Er wen­det sich an den, der hel­fen kann, auch wenn er nicht ver­steht, war­um die Hil­fe aus­bleibt. Und am Ende des Psalms geschieht etwas: Der Beter fasst wie­der Mut. Er sagt: “Ich traue aber dar­auf, dass du so gnä­dig bist; mein Herz freut sich, dass du so ger­ne hilfst. Ich will dem Herrn sin­gen, dass er so wohl an mir tut” (Psalm 13,6). Von der Kla­ge zum Lob­preis. Aber die­ser Lob­preis kommt nicht, weil der Beter sei­ne Not ver­drängt hat, son­dern weil er sie vor Gott gebracht hat.

Das ist der Weg, den Gott uns zeigt. Wir dür­fen kla­gen, wir dür­fen wei­nen, wir dür­fen unse­re Schwer­mut vor Gott brin­gen. Wir müs­sen sie nicht bei­sei­te beten, nicht ver­drän­gen, nicht über­spie­len. Gott ist groß genug, um unse­re Kla­ge aus­zu­hal­ten. Er ist stark genug, um unse­re Ankla­ge zu ertra­gen. Er ist lie­be­voll genug, um unse­re Trä­nen auf­zu­fan­gen. Der Psal­mist sagt: “Du zählst, wie oft ich flie­hen muss­te; samm­le mei­ne Trä­nen in dei­nen Krug; ohne Zwei­fel, du zählst sie” (Psalm 56,9). Gott zählt unse­re Trä­nen. Sie sind ihm nicht gleich­gül­tig. Jede ein­zel­ne Trä­ne sieht er, nimmt er wahr. Wir müs­sen sie nicht ver­ste­cken. Jesus selbst hat geweint. Als sein Freund Laza­rus gestor­ben war, ging er zum Grab und wein­te (Johan­nes 11,35). Jesus wuss­te, dass er Laza­rus gleich auf­er­we­cken wür­de. Er hat­te die Macht über den Tod. Aber er wein­te trotz­dem. Er emp­fand Trau­er, Schmerz, Mit­leid. Er war nicht emo­tio­nal abge­stumpft, nicht distan­ziert. Er war ganz Mensch, und als Mensch wein­te er. Das zeigt uns: Trä­nen sind nicht ein Zei­chen von Schwä­che oder Unglau­ben. Sie sind ein Zei­chen von Mensch­sein. Und Jesus war wah­rer Mensch.

Heu­te begeg­ne ich immer wie­der Chris­ten, deren Her­zen kaum noch vom Leid ande­rer berührt wer­den, als hät­ten sie sich aus Selbst­schutz oder Erschöp­fung in eine inne­re Käl­te zurück­ge­zo­gen. Man spürt eine Här­te, die sich wie eine Schicht über ihre See­le gelegt hat, und manch­mal sogar eine Bit­ter­keit, die jede Form von Mit­ge­fühl erstickt. Statt sich bewe­gen zu las­sen, blei­ben sie distan­ziert, fast unnah­bar, als wäre Empa­thie ein Risi­ko, das sie nicht mehr ein­ge­hen wol­len. Doch ein sol­ches abge­stumpf­tes Herz steht im Wider­spruch zu dem, was Jesus uns vor­ge­lebt hat. Sei­ne Trä­nen zei­gen, dass wah­re Stär­ke nicht in Unbe­rühr­bar­keit liegt, son­dern in der Fähig­keit, mit­zu­lei­den und sich von der Not ande­rer tref­fen zu las­sen

Im Gar­ten Geth­se­ma­ne bete­te Jesus in tiefs­ter Angst. Er wuss­te, was auf ihn zukam: Ver­rat, Fol­ter, Kreu­zi­gung. Er bete­te: “Mein Vater, ist’s mög­lich, so gehe die­ser Kelch an mir vor­über; doch nicht wie ich will, son­dern wie du willst!” (Mat­thä­us 26,39). Jesus woll­te nicht lei­den. Er woll­te nicht ster­ben. Er bat den Vater, ob es einen ande­ren Weg gäbe. Das war kei­ne Sün­de, das war Ehr­lich­keit. Jesus brach­te sei­ne Angst, sei­nen Wunsch vor Gott. Aber er ord­ne­te sich dem Wil­len des Vaters unter. Die Bibel sagt, dass sein Schweiß wie Bluts­trop­fen wur­de, so groß war sei­ne Angst (Lukas 22,44). Das war kein sie­ges­si­che­rer Held, der gelas­sen sei­nem Schick­sal ent­ge­gen­ging. Das war ein Mensch in tiefs­ter Not, der zu Gott schrie.

Am Kreuz rief Jesus: “Mein Gott, mein Gott, war­um hast du mich ver­las­sen?” (Mat­thä­us 27,46). Das ist der Anfang von Psalm 22, jenem Kla­ge­psalm, den wir schon erwähnt haben. Jesus selbst bete­te einen Kla­ge­psalm am Kreuz. Er fühl­te sich ver­las­sen von Gott. Er emp­fand die Gott­ver­las­sen­heit, die eigent­lich wir ver­dient hät­ten. Er trug unse­re Sün­de, unse­re Schuld, unse­re Stra­fe. Und in die­sem Moment schrie er zu Gott. Das war kein stil­les, from­mes Gebet. Das war ein Schrei, ein Auf­schrei der Ver­zweif­lung. Wenn Jesus selbst so gebe­tet hat, dann dür­fen auch wir so beten. Wir dür­fen schrei­en, wei­nen, kla­gen. Wir dür­fen Gott sagen: Ich ver­ste­he dich nicht. Ich hal­te das nicht aus. Wo bist du? War­um hilfst du nicht? Das ist kei­ne Sün­de, das ist Ehr­lich­keit. Und Gott nimmt die­se Ehr­lich­keit an. Er will kei­ne schön­ge­färb­ten Gebe­te, kei­ne from­men Phra­sen, kei­ne lee­ren Wor­te. Er will unser Herz.

Diet­rich Bon­hoef­fer schrieb in sei­nem Buch “Nach­fol­ge”: “Nur wer glaubt, ist gehor­sam, und nur wer gehor­sam ist, glaubt.” Aber er wuss­te auch, dass Glau­be nicht bedeu­tet, immer alles zu ver­ste­hen, immer alles zu füh­len. Im Gefäng­nis, kurz vor sei­ner Hin­rich­tung, schrieb er das Gedicht “Von guten Mäch­ten treu und still umge­ben”. Dar­in heißt es: “Von guten Mäch­ten wun­der­bar gebor­gen, erwar­ten wir getrost, was kom­men mag. Gott ist bei uns am Abend und am Mor­gen und ganz gewiss an jedem neu­en Tag.” Das klingt zuver­sicht­lich, und es ist zuver­sicht­lich. Aber es ist eine Zuver­sicht, die durch tie­fe Dun­kel­heit gegan­gen ist. Bon­hoef­fer schrieb die­se Zei­len nicht in einer Zeit des Wohl­stands und der Sicher­heit, son­dern im Ange­sicht des Todes. Er wuss­te, dass er wahr­schein­lich nicht lebend aus dem Gefäng­nis her­aus­kom­men wür­de. Aber er hielt fest an Got­tes Gegen­wart, auch wenn er sie viel­leicht nicht immer spür­te.

Das ist der Unter­schied zwi­schen fal­scher und wah­rer Anbe­tung. Fal­sche Anbe­tung tut so, als gäbe es kei­ne Dun­kel­heit. Sie singt Lob­lie­der, obwohl das Herz schreit. Sie spricht von Sieg, obwohl das Leben eine Nie­der­la­ge ist. Sie behaup­tet, alles sei gut, obwohl alles zer­bricht. Das ist unehr­lich, und es hilft nie­man­dem. Im Gegen­teil, es macht Men­schen krank, weil sie ihre wah­ren Gefüh­le unter­drü­cken müs­sen. Wah­re Anbe­tung aner­kennt die Dun­kel­heit. Sie ver­schweigt sie nicht, ver­drängt sie nicht, redet sie nicht schön. Sie bringt die Dun­kel­heit vor Gott, legt sie ihm hin, schreit sie hin­aus. Aber sie bleibt bei Gott. Sie wen­det sich nicht von ihm ab, son­dern zu ihm hin. Sie sagt: Gott, ich ver­ste­he dich nicht, aber ich las­se dich nicht los. Gott, ich sehe kei­nen Aus­weg, aber ich ver­traue dir trotz­dem. Gott, ich füh­le dich nicht, aber ich glau­be, dass du da bist.

Pau­lus schreibt: “Freut euch mit den Fröh­li­chen und weint mit den Wei­nen­den” (Römer 12,15). Das bedeu­tet: Es gibt Zei­ten zum Wei­nen. Es ist nicht immer Zeit zur Freu­de. Manch­mal ist die Zeit zum Wei­nen. Und in die­sen Zei­ten dür­fen wir wei­nen, wir sol­len wei­nen. Wir müs­sen uns nicht zwin­gen, fröh­lich zu sein. Wir dür­fen trau­ern, dür­fen kla­gen, dür­fen unse­ren Schmerz füh­len und aus­drü­cken. In der Gemein­de soll­te Raum sein für sol­che Ehr­lich­keit. Wir soll­ten nicht nur fröh­li­che Lie­der sin­gen, son­dern auch Kla­ge­lie­der. Wir soll­ten nicht nur von Sieg und Hoff­nung reden, son­dern auch von Kampf und Ver­zweif­lung. Wir soll­ten ein­an­der die Frei­heit geben, ehr­lich zu sein, schwach zu sein, am Ende zu sein. Wir soll­ten nicht erwar­ten, dass alle immer ein Lächeln auf­set­zen. Man­che tra­gen schwe­re Las­ten, man­che durch­le­ben dunk­le Zei­ten. Sie brau­chen kei­nen from­men Zuspruch, der ihre Not igno­riert. Sie brau­chen jeman­den, der mit ihnen weint, der ihre Kla­ge aus­hält, der sie nicht ver­ur­teilt, weil sie nicht fröh­lich sind.

Jesus sagt: “Selig sind, die da Leid tra­gen; denn sie sol­len getrös­tet wer­den” (Mat­thä­us 5,4). Selig sind die Trau­ern­den. Das ist eine Ver­hei­ßung. Wer trau­ert, wer Leid trägt, der wird getrös­tet wer­den. Aber man kann nur getrös­tet wer­den, wenn man zugibt, dass man trau­rig ist. Wer so tut, als wäre alles in Ord­nung, der wird kei­nen Trost emp­fan­gen, weil er meint, ihn nicht zu brau­chen. Lasst uns ler­nen, ehr­lich vor Gott zu sein. Lasst uns auf­hö­ren, uns selbst und ande­ren etwas vor­zu­spie­len. Lasst uns unse­re Mas­ken able­gen und Gott unser wah­res Gesicht zei­gen. Er kennt uns ohne­hin. Wir kön­nen ihn nicht täu­schen. Aber wir kön­nen uns selbst täu­schen, indem wir unse­re wah­ren Gefüh­le unter­drü­cken. Das macht uns krank, see­lisch und kör­per­lich.

Gott ist stark genug für unse­re Schwä­che. Er ist groß genug für unse­re Zwei­fel. Er ist lie­be­voll genug für unse­re Ver­zweif­lung. Wir müs­sen nicht stark sein vor ihm. Wir dür­fen schwach sein. Wir müs­sen nicht alles ver­ste­hen. Wir dür­fen fra­gen, zwei­feln, rin­gen. Gott hält das aus. Und am Ende, wenn wir alles vor ihm aus­ge­schüt­tet haben, wenn wir geweint und geschrien und geklagt haben, dann schenkt er uns Frie­den. Nicht immer sofort, nicht immer so, wie wir es erwar­ten. Aber er schenkt ihn. Die Wahr­heit tut manch­mal weh. Es tut weh, zuzu­ge­ben, dass wir nicht wei­ter­wis­sen. Es tut weh, unse­re Ohn­macht zu spü­ren. Es tut weh, die Dun­kel­heit nicht zu ver­drän­gen, son­dern zuzu­las­sen. Aber die­se Wahr­heit ist heil­sam. Sie befreit uns von der Last, so tun zu müs­sen, als wäre alles gut. Sie erlaubt uns, mensch­lich zu sein. Und sie öff­net den Weg zu ech­tem Trost, zu ech­ter Hoff­nung, zu ech­ter Anbe­tung.

Anbe­tung braucht Wahr­heit. Sie braucht ehr­li­che Her­zen, die nichts beschö­ni­gen, nichts ver­ber­gen. Gott will uns ganz, mit allen hel­len und dunk­len Sei­ten. Er will nicht nur unse­re Freu­de, son­dern auch unse­re Trau­er. Nicht nur unser Ver­trau­en, son­dern auch unse­re Zwei­fel. Nicht nur unser Lob, son­dern auch unse­re Kla­ge. Wenn wir ihm das alles brin­gen, dann ist unse­re Anbe­tung echt, wahr, leben­dig. Dann begeg­nen wir dem leben­di­gen Gott, nicht einem Wunsch­bild, das wir uns geschaf­fen haben. Lasst uns mutig sein, so ehr­lich zu wer­den. Lasst uns able­gen, was falsch ist, und fest­hal­ten, was wahr ist. Gott war­tet auf uns, mit offe­nen Armen, bereit, uns anzu­neh­men, wie wir sind. Amen.

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