Liebe Gemeinde, liebe Leserinnen und Leser, in unserer Zeit erleben wir eine merkwürdige Entwicklung: Religion und Frömmigkeit scheinen wieder gefragt zu sein. Überall begegnen uns Angebote für spirituelle Erfahrungen, für innere Einkehr, für Achtsamkeit und Meditation. Menschen suchen nach Sinn, nach Halt, nach etwas, das über den Alltag hinausweist. Buchhandlungen sind voll von Ratgebern über das richtige Leben, über inneren Frieden, über Selbstfindung. Auch in der Kirche erleben wir manchmal, dass Menschen von Frömmigkeit sprechen, die auf den ersten Blick christlich erscheint, bei genauerem Hinsehen aber wenig mit dem zu tun hat, was die Bibel uns lehrt. Es ist daher wichtig, dass wir als Christen lernen zu unterscheiden zwischen einer Frömmigkeit, die weltlichen Ursprungs ist und sich letztlich um den Menschen selbst dreht, und einer Frömmigkeit, die aus der Bibel kommt und ihren Mittelpunkt in Gott und seinem Handeln an uns hat.
Die weltliche Frömmigkeit beginnt beim Menschen. Sie fragt: Was kann ich tun, um ein besserer Mensch zu werden? Wie kann ich mein Leben verbessern? Wie finde ich inneren Frieden, Glück, Erfüllung? Diese Fragen sind nicht grundsätzlich falsch, aber sie zeigen eine bestimmte Richtung: Der Mensch steht im Mittelpunkt, und Gott wird zum Mittel, um die eigenen Ziele zu erreichen. Gott wird zu einem Helfer, den man rufen kann, wenn man Probleme hat, zu einer Art höherer Macht, die man nutzen kann für das eigene Wohlergehen. Diese Frömmigkeit sagt: Wenn du genug betest, wenn du genug glaubst, wenn du die richtigen Übungen machst, dann wird dein Leben besser, dann wirst du gesund, erfolgreich, glücklich. Der Glaube wird zu einer Technik, die man anwenden kann, um bestimmte Ergebnisse zu erzielen.
Diese Form der Frömmigkeit ist uns nicht fremd. Sie begegnet uns in den sogenannten Erfolgsevangelien, die versprechen, dass Gott jeden materiell segnen wird, der nur genug Glauben hat. Sie begegnet uns in Gebetsformen, die Gott wie einen Automaten behandeln: Wenn ich das richtige Gebet spreche, dann muss Gott mir geben, was ich will. Sie begegnet uns auch in einer Form von Frömmigkeit, die sehr auf Gefühle ausgerichtet ist und sagt: Ein richtiger Christ muss immer Freude spüren, muss ständig Gottes Nähe erleben, muss begeistert und erfüllt sein. Wer das nicht erlebt, der hat etwas falsch gemacht, der glaubt nicht richtig, der ist nicht fromm genug.
Martin Luther hat diese Form der Frömmigkeit bereits in seiner Zeit gekannt und scharf kritisiert. Er nannte sie eine Theologie der Herrlichkeit, eine theologia gloriae. Diese Theologie sucht Gott in der Macht, im Erfolg, in den großen Gefühlen, in der sichtbaren Herrlichkeit. Sie meint, man könne Gott erkennen und erreichen durch eigene Anstrengung, durch Werke, durch Frömmigkeitsübungen. Luther dagegen setzte die Theologie des Kreuzes, die theologia crucis. Diese Theologie sucht Gott dort, wo er sich verborgen hat: im Leiden, im Kreuz, in der Schwachheit. Sie erkennt an, dass Gott nicht durch unsere Vernunft und unsere Frömmigkeit zu erfassen ist, sondern dass er sich uns offenbart, wie und wo er will, und dass diese Offenbarung oft ganz anders aussieht, als wir es erwarten würden.
Die biblische Frömmigkeit beginnt nicht beim Menschen, sondern bei Gott. Sie fragt nicht zuerst: Was kann ich tun?, sondern: Was hat Gott getan? Sie kreist nicht um meine Gefühle, meine Erfahrungen, meine Bedürfnisse, sondern um Gottes Wort, Gottes Verheißung, Gottes Handeln an uns in Jesus Christus. Die biblische Frömmigkeit weiß, dass wir aus uns selbst nichts vermögen, dass wir Sünder sind, die der Gnade bedürfen, dass unser Herz trügerisch ist, wie der Prophet Jeremia sagt: “Es ist das Herz ein trotzig und verzagt Ding; wer kann es ergründen?” (Jeremia 17,9). Wir können uns nicht auf unsere eigenen Gefühle und Erfahrungen verlassen, weil diese uns täuschen können. Wir brauchen ein Wort von außen, ein Wort, das nicht aus uns selbst kommt, sondern das Gott zu uns spricht.
Paulus schreibt im Römerbrief: “So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi” (Römer 10,17). Der Glaube entsteht nicht durch unsere frommen Übungen, nicht durch unsere Anstrengungen, nicht durch unsere Gefühle, sondern durch das Hören des Wortes Gottes. Dieses Wort erzählt uns von Jesus Christus, von seinem Leben, seinem Tod, seiner Auferstehung. Es erzählt uns, dass Gott Mensch geworden ist, dass er gelitten hat, dass er am Kreuz gestorben ist für unsere Sünden, dass er auferstanden ist und lebt. Dieses Wort schafft Glauben in uns, nicht wir selbst. Der Heilige Geist wirkt durch dieses Wort und öffnet unsere Herzen, sodass wir glauben können.
Die weltliche Frömmigkeit sagt: Du musst etwas tun, dann wird Gott handeln. Die biblische Frömmigkeit sagt: Gott hat bereits gehandelt, empfange es im Glauben. Die weltliche Frömmigkeit macht uns zu Machern, zu Akteuren, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Die biblische Frömmigkeit macht uns zu Empfangenden, zu Menschen, die aus der Hand Gottes leben. Die weltliche Frömmigkeit führt entweder zu Stolz, wenn wir meinen, wir hätten es geschafft, oder zu Verzweiflung, wenn wir erkennen, dass wir es nicht schaffen. Die biblische Frömmigkeit führt zu Demut und zu Dankbarkeit: zu Demut, weil wir wissen, dass wir nichts aus uns selbst vermögen, zu Dankbarkeit, weil wir wissen, dass Gott uns alles schenkt.
Jesus selbst hat diese weltliche Frömmigkeit in den Pharisäern seiner Zeit vorgefunden und kritisiert. Die Pharisäer waren fromme Menschen. Sie hielten das Gesetz, sie fasteten, sie beteten, sie gaben den Zehnten. Aber ihre Frömmigkeit drehte sich um sie selbst. Sie wollten vor den Menschen als fromm erscheinen. Sie wollten sich durch ihre Frömmigkeit einen Platz vor Gott verdienen. Jesus erzählt das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner: “Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme” (Lukas 18,11). Dieser Pharisäer ist fromm nach weltlichen Maßstäben. Er tut alles richtig. Aber sein Herz ist nicht bei Gott, sondern bei sich selbst. Er rühmt sich seiner Werke. Er rühmt sich seines Glaubens. Er vergleicht sich mit anderen und fühlt sich überlegen.
Der Zöllner dagegen, der als Sünder gilt, der von den Frommen verachtet wird, steht von ferne und wagt nicht einmal, seine Augen aufzuheben zum Himmel. Er schlägt sich an die Brust und spricht: “Gott, sei mir Sünder gnädig!” (Lukas 18,13). Dieser Mann hat nichts vorzuweisen. Er kann sich nicht auf seine Frömmigkeit berufen. Er kann nur um Gnade bitten. Und Jesus sagt: “Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener” (Lukas 18,14). Die biblische Frömmigkeit beginnt mit der Erkenntnis, dass wir Sünder sind, dass wir der Gnade bedürfen, dass wir nichts vorzuweisen haben vor Gott. Sie beginnt mit dem Bekenntnis: Gott, sei mir gnädig.
Die weltliche Frömmigkeit sucht Bestätigung in Gefühlen und Erfahrungen. Sie fragt: Spüre ich etwas? Erlebe ich etwas? Fühle ich Gottes Nähe? Wenn ja, dann ist alles gut. Wenn nein, dann stimmt etwas nicht. Diese Frömmigkeit ist abhängig von der eigenen Befindlichkeit, von Stimmungen, von Erlebnissen. Sie ist unsicher und schwankend, weil Gefühle nun einmal kommen und gehen. Die biblische Frömmigkeit dagegen gründet nicht auf Gefühlen, sondern auf Gottes Verheißung. Gott hat uns in seinem Wort zugesagt, dass er uns liebt, dass er uns angenommen hat in Christus, dass nichts uns von seiner Liebe trennen kann. Diese Verheißung gilt, ob wir etwas spüren oder nicht. Paulus schreibt: “Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn” (Römer 8,38).
Diese Gewissheit hängt nicht an unseren Gefühlen, sondern an Gottes Treue. Auch wenn wir Gott nicht spüren, auch wenn wir uns leer und verlassen fühlen, bleibt seine Verheißung bestehen. Luther hat in Zeiten schwerer Anfechtung oft auf seine Taufe verwiesen. Er sagte zu sich selbst: Ich bin getauft. Gott hat mich in der Taufe zu seinem Kind gemacht, und das kann mir niemand nehmen, auch ich selbst nicht. Die Taufe ist ein äußeres Zeichen, ein Sakrament, das uns Gottes Handeln an uns vor Augen stellt. Sie ist nicht abhängig von unseren Gefühlen, sondern sie steht fest, weil Gott sie vollzogen hat.
Die weltliche Frömmigkeit macht den Menschen zum Richter über Gott. Sie sagt: Wenn Gott mir gibt, was ich will, wenn er meine Gebete erhört, wenn mein Leben gut läuft, dann ist er ein guter Gott, dann glaube ich an ihn. Wenn nicht, dann zweifle ich, dann bin ich enttäuscht, dann wende ich mich ab. Diese Frömmigkeit behandelt Gott wie einen Dienstleister, der zu funktionieren hat. Die biblische Frömmigkeit dagegen erkennt an, dass Gott der Herr ist und dass wir seine Geschöpfe sind. Sie fragt nicht: Erfüllt Gott meine Wünsche?, sondern: Was ist Gottes Wille? Sie betet nicht nur: Herr, gib mir, sondern auch: Herr, dein Wille geschehe. Jesus selbst hat im Garten Gethsemane so gebetet: “Mein Vater, ist es möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst” (Matthäus 26,39).
Die biblische Frömmigkeit weiß, dass Gottes Wege nicht unsere Wege sind, dass seine Gedanken höher sind als unsere Gedanken, wie es bei Jesaja heißt: “Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken” (Jesaja 55,8). Gott führt manchmal durch dunkle Täler, durch Leiden, durch Schwierigkeiten. Das bedeutet nicht, dass er uns nicht liebt oder dass unser Glaube zu schwach ist. Es bedeutet, dass er uns auf Wegen führt, die wir nicht verstehen, die uns aber dienen zum Guten, auch wenn wir es jetzt nicht sehen können.
Dietrich Bonhoeffer schrieb aus dem Gefängnis über die Unterscheidung zwischen religiösem Bedürfnis und echtem Glauben. Er warnte davor, dass die Kirche den Menschen nur in ihren Schwächen anspreche, nur dort, wo sie Probleme haben, wo sie Trost brauchen, wo sie nicht weiterwissen. Das sei eine Form von Religion, die den Menschen in seiner Bedürftigkeit festhalte. Echter Glaube dagegen spreche den ganzen Menschen an, auch in seiner Stärke, auch in seinem Glück, auch dort, wo er meint, Gott nicht zu brauchen. Bonhoeffer schrieb: “Der Gott, der uns in der Welt leben lässt ohne die Arbeitshypothese Gott, ist der Gott, vor dem wir dauernd stehen. Vor und mit Gott leben wir ohne Gott.” Das klingt paradox, aber Bonhoeffer meint damit: Wir sollen nicht einen Lückenbüßer-Gott haben, den wir nur rufen, wenn wir ihn brauchen, sondern wir sollen mit dem lebendigen Gott leben, der uns in allem begleitet, der uns fordert und tröstet, der uns in die Nachfolge ruft.
Die weltliche Frömmigkeit bleibt oft im Privaten stecken. Sie sagt: Glaube ist meine Sache, meine persönliche Beziehung zu Gott, die niemanden sonst etwas angeht. Die biblische Frömmigkeit dagegen weiß, dass der Glaube immer auch eine soziale Dimension hat. Jesus sagt: “Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt” (Johannes 13,35). Der Glaube zeigt sich in der Liebe zum Nächsten, im Dienst am Mitmenschen, in der Gerechtigkeit, in der Barmherzigkeit. Jakobus schreibt: “So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber” (Jakobus 2,17). Damit widerspricht Jakobus nicht Paulus, der sagt, dass wir aus Gnade durch Glauben gerettet sind, nicht aus Werken. Jakobus sagt vielmehr: Echter Glaube bringt Werke hervor. Wenn jemand behauptet zu glauben, aber sein Leben zeigt keine Liebe, keine Barmherzigkeit, kein Erbarmen, dann ist dieser Glaube fragwürdig.
Lasst uns also prüfen, welche Art von Frömmigkeit wir leben. Dreht sich unser Glaube um uns selbst oder um Gott? Suchen wir Gott, damit er uns dient, oder dienen wir ihm? Gründet unser Glaube auf unseren Gefühlen und Erfahrungen oder auf Gottes Wort und Verheißung? Behandeln wir Gott wie einen Dienstleister oder erkennen wir ihn als den Herrn an? Bleibt unser Glaube privat oder zeigt er sich in der Liebe zum Nächsten? Diese Fragen helfen uns, zwischen weltlicher und biblischer Frömmigkeit zu unterscheiden. Sie zeigen uns, wo wir auf falschen Wegen sind und wo wir umkehren müssen. Denn nur eine Frömmigkeit, die aus der Bibel kommt, die sich an Gottes Wort orientiert, die Jesus Christus in den Mittelpunkt stellt, wird uns tragen, wird uns Halt geben, wird uns zum ewigen Leben führen. Amen.


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