Lie­be Gemein­de, lie­be Lese­rin­nen und Leser, es gibt eine Unter­schei­dung in der christ­li­chen Leh­re, die so grund­le­gend ist, dass Mar­tin Luther sie als die höchs­te Kunst der Theo­lo­gie bezeich­ne­te. Wer die­se Unter­schei­dung nicht ver­steht, der ver­steht auch nicht das Herz der christ­li­chen Bot­schaft. Es geht um den Unter­schied zwi­schen Gesetz und Evan­ge­li­um, zwi­schen For­de­rung und Zuspruch, zwi­schen dem, was Gott von uns ver­langt, und dem, was Gott uns schenkt. Die­se Unter­schei­dung mag auf den ers­ten Blick ein­fach erschei­nen, doch in ihrer Tie­fe und in ihrer prak­ti­schen Bedeu­tung für unser Leben als Chris­ten liegt eine Weis­heit, die uns immer wie­der neu erschlie­ßen muss.

Das Gesetz ist Got­tes hei­li­ger Wil­le, sei­ne For­de­rung an uns Men­schen. Es zeigt uns, wie wir leben sol­len, was gut und was böse ist, was Gott gefällt und was ihm zuwi­der ist. Im Alten Tes­ta­ment fin­den wir das Gesetz in viel­fäl­ti­ger Form: in den Zehn Gebo­ten, in den Wei­sun­gen des Mose, in den Mah­nun­gen der Pro­phe­ten. Jesus selbst fasst das Gesetz zusam­men in dem Dop­pel­ge­bot der Lie­be: “Du sollst den Herrn, dei­nen Gott, lie­ben von gan­zem Her­zen, von gan­zer See­le und von gan­zem Gemüt. Dies ist das höchs­te und größ­te Gebot. Das ande­re aber ist dem gleich: Du sollst dei­nen Nächs­ten lie­ben wie dich selbst” (Mat­thä­us 22,37). Das Gesetz ist gut, es ist hei­lig, es ist gerecht. Pau­lus schreibt im Römer­brief: “Das Gesetz ist hei­lig, und das Gebot ist hei­lig, gerecht und gut” (Römer 7,12). Das Gesetz zeigt uns, wie das Leben in Gemein­schaft mit Gott und unter­ein­an­der aus­se­hen soll. Es ist Got­tes Ord­nung für die­se Welt.

Doch das Gesetz hat eine Eigen­schaft, die wir nicht über­se­hen dür­fen: Es for­dert, aber es gibt nicht. Es zeigt uns den Weg, aber es befä­higt uns nicht, ihn zu gehen. Das Gesetz sagt uns, was wir tun sol­len, aber es gibt uns nicht die Kraft, es zu tun. Im Gegen­teil, das Gesetz deckt auf, dass wir nicht tun, was wir tun soll­ten. Es zeigt uns unse­re Unzu­läng­lich­keit, unse­re Schuld, unser Ver­sa­gen. Luther nann­te dies die ers­te Funk­ti­on des Geset­zes: Es über­führt uns der Sün­de. Wenn wir ehr­lich in den Spie­gel des Geset­zes schau­en, dann sehen wir, dass wir nicht sind, wie wir sein soll­ten. Wir lie­ben Gott nicht von gan­zem Her­zen. Wir lie­ben unse­ren Nächs­ten nicht wie uns selbst. Wir sind ego­is­tisch, lieb­los, unge­dul­dig, nei­disch, zor­nig. Das Gesetz klagt uns an, und zu recht.

Pau­lus beschreibt die­se Erfah­rung ein­dring­lich: “Ich weiß, dass in mir, das heißt in mei­nem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wol­len habe ich wohl, aber das Gute voll­brin­gen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; son­dern das Böse, das ich nicht will, das tue ich” (Römer 7,18). Das ist die Erfah­rung jedes ehr­li­chen Men­schen: Wir wis­sen, was recht ist, aber wir tun es nicht. Das Gesetz zeigt uns die­se Kluft zwi­schen Anspruch und Wirk­lich­keit, zwi­schen Ide­al und Rea­li­tät. Und die­se Erkennt­nis kann uns ver­zwei­feln las­sen. Wenn wir mei­nen, durch das Hal­ten des Geset­zes vor Gott gerecht zu wer­den, dann müs­sen wir schei­tern. Denn das Gesetz for­dert voll­kom­me­ne Erfül­lung, und die­se kön­nen wir nicht leis­ten.

Hier kommt nun das Evan­ge­li­um ins Spiel. Das Evan­ge­li­um ist die gute Nach­richt, die fro­he Bot­schaft, dass Gott uns nicht nach dem Gesetz rich­tet, son­dern dass er uns in Jesus Chris­tus sei­ne Gna­de schenkt. Das Evan­ge­li­um sagt nicht, was wir tun sol­len, son­dern was Gott für uns getan hat. Es for­dert nicht, son­dern es gibt. Es klagt nicht an, son­dern es spricht frei. Das Evan­ge­li­um ver­kün­det, dass Jesus Chris­tus für unse­re Sün­den gestor­ben ist, dass er das Gesetz an unse­rer Stel­le erfüllt hat, dass er die Stra­fe auf sich genom­men hat, die wir ver­dient hät­ten. “Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er sei­nen ein­ge­bo­re­nen Sohn gab, damit alle, die an ihn glau­ben, nicht ver­lo­ren wer­den, son­dern das ewi­ge Leben haben” (Johan­nes 3,16).

Das Evan­ge­li­um sagt uns: Du musst nicht das Gesetz erfül­len, um vor Gott gerecht zu sein. Jesus hat es für dich erfüllt. Du musst nicht dei­ne Schuld abtra­gen. Jesus hat sie für dich getra­gen. Du musst nicht aus eige­ner Kraft ein guter Mensch wer­den. Gott nimmt dich an, so wie du bist, aus rei­ner Gna­de. “Denn aus Gna­de seid ihr geret­tet durch Glau­ben, und das nicht aus euch: Got­tes Gabe ist es, nicht aus Wer­ken, damit sich nicht jemand rüh­me” (Ephe­ser 2,8). Das ist die Bot­schaft des Evan­ge­li­ums: Gott schenkt uns das, was wir aus eige­ner Kraft nie errei­chen könn­ten. Er schenkt uns Ver­ge­bung, Annah­me, neu­es Leben.

Und es macht zutiefst trau­rig, wenn Men­schen die­ses Gna­den­ge­schenk nicht anneh­men wol­len. Man­che hal­ten so sehr an ihrem Leis­tungs­den­ken fest, an ihrem inne­ren Antrei­ber, an der Vor­stel­lung, sie müss­ten Gott etwas bewei­sen, dass sie die aus­ge­streck­te Hand Jesu gar nicht mehr wahr­neh­men. Ande­re haben so lan­ge unter einem Glau­bens­druck gelebt, dass sie Gna­de kaum noch glau­ben kön­nen – sie erscheint ihnen zu ein­fach, zu schön, zu unver­dient. Doch gera­de dar­in liegt das Wun­der des Evan­ge­li­ums: Gott war­tet nicht auf unse­re Per­fek­ti­on, son­dern auf unser Ver­trau­en. Und wenn Men­schen die­ses Geschenk ableh­nen oder nicht an sich her­an­las­sen kön­nen, dann zer­bricht etwas Kost­ba­res – nicht Got­tes Lie­be, son­dern ihr eige­nes Herz, das sich nach die­ser Lie­be sehnt.

Mar­tin Luther hat die­se Unter­schei­dung zwi­schen Gesetz und Evan­ge­li­um in den Mit­tel­punkt sei­ner Theo­lo­gie gestellt, weil er selbst unter dem Gesetz gelit­ten hat­te. Als jun­ger Mönch ver­such­te er ver­zwei­felt, durch Fas­ten, Beten, Beich­ten und aske­ti­sche Übun­gen vor Gott gerecht zu wer­den. Doch je mehr er sich anstreng­te, des­to mehr erkann­te er, dass er es nicht schaff­te. Das Gesetz trieb ihn in die Ver­zweif­lung. Erst als er durch das Stu­di­um der Hei­li­gen Schrift, beson­ders des Römer­briefs, die Bot­schaft des Evan­ge­li­ums neu ent­deck­te, fand er Frie­den. Er erkann­te: “Der Gerech­te wird aus Glau­ben leben” (Römer 1,17). Nicht durch das Erfül­len des Geset­zes, son­dern durch den Glau­ben an Jesus Chris­tus wer­den wir vor Gott gerecht. Die­se Erkennt­nis war der Durch­bruch der Refor­ma­ti­on.

Nun könn­te man fra­gen: Wenn das Evan­ge­li­um uns von der For­de­rung des Geset­zes befreit, war­um brau­chen wir dann das Gesetz über­haupt noch? Hat das Gesetz für Chris­ten kei­ne Bedeu­tung mehr? Pau­lus stellt sich die­se Fra­ge selbst: “Wie nun? Sol­len wir sün­di­gen, weil wir nicht unter dem Gesetz, son­dern unter der Gna­de sind? Das sei fer­ne!” (Römer 6,15). Das Gesetz hat auch für Chris­ten noch eine wich­ti­ge Funk­ti­on, aber eine ande­re als die des Anklä­gers. Luther spricht von der drit­ten Funk­ti­on des Geset­zes: Es dient uns als Richt­schnur, als Weg­wei­sung für unser Leben. Wer durch das Evan­ge­li­um befreit ist, der will nicht mehr sün­di­gen, son­dern der will Gott die­nen. Das Gesetz zeigt uns, wie die­ser Dienst aus­se­hen kann. Es ist wie ein Gelän­der, das uns hilft, auf dem Weg zu blei­ben.

Doch auch hier müs­sen wir auf­pas­sen, dass wir Gesetz und Evan­ge­li­um nicht ver­mi­schen. Das Gesetz bleibt For­de­rung, das Evan­ge­li­um bleibt Geschenk. Wir erfül­len das Gesetz nicht, um uns Got­tes Lie­be zu ver­die­nen. Got­tes Lie­be ist uns bereits geschenkt in Jesus Chris­tus. Wir erfül­len das Gesetz als Ant­wort auf die­se Lie­be, aus Dank­bar­keit, aus Freu­de, nicht aus Zwang. Pau­lus schreibt: “Die Lie­be Chris­ti drängt uns” (2. Korin­ther 5,14). Es ist nicht die Angst vor Stra­fe, die uns zum Guten bewegt, son­dern die Lie­be, die uns geschenkt wur­de.

Die Unter­schei­dung zwi­schen Gesetz und Evan­ge­li­um hat auch seel­sor­ger­li­che Bedeu­tung. In der Seel­sor­ge müs­sen wir genau hören, wo ein Mensch steht. Man­cher Mensch lebt selbst­zu­frie­den dahin, sieht sei­ne Sün­de nicht, meint, er brau­che Gott nicht wirk­lich. Einem sol­chen Men­schen muss das Gesetz ver­kün­digt wer­den, damit er erkennt, dass er vor Gott nicht bestehen kann, dass er ein Sün­der ist, der der Gna­de bedarf. Das Gesetz soll ihn auf­we­cken aus sei­ner Selbst­ge­rech­tig­keit. Ande­re Men­schen sind bereits zer­bro­chen unter der Last ihrer Schuld. Sie sehen nur noch ihr Ver­sa­gen, ihre Unzu­läng­lich­keit. Sie mei­nen, Gott kön­ne sie nicht mehr lie­ben, sie sei­en zu schlecht, zu sün­dig. Sol­chen Men­schen muss das Evan­ge­li­um ver­kün­digt wer­den, die fro­he Bot­schaft, dass Gott sie annimmt, dass Jesus für sie gestor­ben ist, dass nichts sie von der Lie­be Got­tes tren­nen kann.

Lei­der beob­ach­ten wir gera­de in den sozia­len Medi­en immer mehr from­me Stim­men, die fast aus­schließ­lich das Gesetz in einer stren­gen, uner­bitt­li­chen Här­te pre­di­gen und dar­über das Evan­ge­li­um ver­ges­sen. Sie reden viel von Gehor­sam, Buße, Hei­li­gung – alles wich­ti­ge bibli­sche The­men –, aber sie ver­kün­den sie oft ohne den Trost der Gna­de, ohne das Erbar­men Chris­ti, ohne die befrei­en­de Zusa­ge des Evan­ge­li­ums. So ent­steht ein Kli­ma der Angst statt der Frei­heit, ein Druck zur Leis­tung statt der Freu­de am Glau­ben. Men­schen wer­den ver­un­si­chert, ver­letzt, ent­mu­tigt, weil sie nur hören, was sie tun müss­ten, aber nicht, was Chris­tus für sie getan hat. Wo das Evan­ge­li­um ver­stummt, ver­liert das Gesetz sei­ne heil­sa­me Funk­ti­on und wird zu einer Last, die nie­mand tra­gen kann.

Luther sag­te ein­mal, dass ein guter Pre­di­ger wis­sen muss, wann er das Gesetz und wann er das Evan­ge­li­um pre­di­gen muss. Wer immer nur das Gesetz pre­digt, der treibt die Men­schen in die Ver­zweif­lung oder in die Heu­che­lei. Sie ver­su­chen dann ent­we­der krampf­haft, das Gesetz zu erfül­len, und schei­tern dar­an, oder sie tun nur so, als wür­den sie es erfül­len, und wer­den zu Heuch­lern. Wer aber immer nur das Evan­ge­li­um pre­digt, ohne das Gesetz, der macht die Gna­de bil­lig. Die Men­schen mei­nen dann, sie könn­ten leben, wie sie wol­len, Gott ver­ge­be ja ohne­hin. Diet­rich Bon­hoef­fer warn­te ein­dring­lich vor die­ser bil­li­gen Gna­de, die ohne Umkehr, ohne Nach­fol­ge aus­kommt. Er schrieb: “Bil­li­ge Gna­de heißt Gna­de als Schleu­der­wa­re, ver­schleu­der­te Ver­ge­bung, ver­schleu­de­ter Trost, ver­schleu­der­tes Sakra­ment. Bil­li­ge Gna­de ist Gna­de ohne Nach­fol­ge, Gna­de ohne Kreuz, Gna­de ohne den leben­di­gen, mensch­ge­wor­de­nen Jesus Chris­tus.”

Die rech­te Pre­digt unter­schei­det also zwi­schen Gesetz und Evan­ge­li­um, aber sie ver­bin­det auch bei­des. Zuerst das Gesetz, das uns unse­re Sün­de zeigt, das uns demü­tigt, das uns zu Jesus treibt. Dann das Evan­ge­li­um, das uns trös­tet, das uns auf­rich­tet, das uns die Gna­de ver­kün­digt. Und schließ­lich wie­der das Gesetz, nicht als For­de­rung zur Erlö­sung, son­dern als Weg­wei­sung für ein Leben in der Nach­fol­ge. Die­se Rei­hen­fol­ge ist wich­tig. Wer zuerst das Evan­ge­li­um hört, ohne das Gesetz zu ken­nen, der ver­steht nicht, wovon er erlöst wur­de. Wer nur das Gesetz hört, ohne das Evan­ge­li­um, der ver­zwei­felt oder wird zum Pha­ri­sä­er.

In unse­rem prak­ti­schen Leben als Chris­ten bedeu­tet die Unter­schei­dung zwi­schen Gesetz und Evan­ge­li­um, dass wir in stän­di­ger Span­nung leben. Wir sind zugleich Sün­der und Gerech­te, wie Luther es aus­drück­te. Wir sind Sün­der, weil wir das Gesetz nicht voll­kom­men erfül­len. Wir sind Gerech­te, weil Gott uns in Chris­tus gerecht gespro­chen hat. Die­se Span­nung bleibt, solan­ge wir auf die­ser Erde leben. Wir wer­den immer wie­der fal­len, immer wie­der ver­sa­gen. Aber wir dür­fen immer wie­der auf­ste­hen, weil das Evan­ge­li­um uns zusagt: Du bist ange­nom­men, du bist geliebt, du bist Got­tes Kind.

Das Gesetz zeigt uns, dass wir nicht sind, wie wir sein soll­ten. Das Evan­ge­li­um zeigt uns, dass wir trotz­dem geliebt sind, wie wir sind. Das Gesetz treibt uns zu Chris­tus. Das Evan­ge­li­um schenkt uns Chris­tus. Das Gesetz for­dert. Das Evan­ge­li­um gibt. Das Gesetz tötet. Das Evan­ge­li­um macht leben­dig. Pau­lus schreibt: “Der Buch­sta­be tötet, aber der Geist macht leben­dig” (2. Korin­ther 3,6). Mit dem Buch­sta­ben meint er das Gesetz, mit dem Geist meint er das Evan­ge­li­um, die Bot­schaft von Jesus Chris­tus.

Lasst uns also ler­nen, zwi­schen Gesetz und Evan­ge­li­um zu unter­schei­den. Lasst uns das Gesetz ernst neh­men als Got­tes hei­li­gen Wil­len, aber lasst uns nicht unter dem Gesetz ver­zwei­feln. Lasst uns das Evan­ge­li­um als fro­he Bot­schaft hören, als Befrei­ung, als Geschenk, aber lasst uns die Gna­de nicht bil­lig machen. Lasst uns aus der Gna­de leben, in der Nach­fol­ge Jesu, nicht um uns Got­tes Lie­be zu ver­die­nen, son­dern weil sie uns bereits geschenkt ist. Dann wer­den wir Frei­heit fin­den, ech­te Frei­heit, nicht die Frei­heit zu tun, was uns gefällt, son­dern die Frei­heit, Gott zu die­nen aus Lie­be, nicht aus Zwang. Amen.